Home > Blog > Ausbildungsfremde Tätigkeiten – Eine Gratwanderung

Kaum eine Ausbildung läuft ohne sogenannte „Ausbildungsfremden Tätigkeiten“ ab. Häufig kommt es vor, dass Du als Azubi also Dinge tun „musst“, die nicht zwingend dem Ausbildungsinhalt Deines Berufes entsprechen. Wir durchleuchten die Sache mit den ausbildungsfremden Tätigkeiten nochmal genauer.

Geregelt ist dies in § 14 Abs. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG). Hier steht: „Auszubildenden dürfen nur Aufgaben übertragen werden, die dem Ausbildungszweck dienen und ihren körperlichen Kräften angemessen sind.“

Aber was ist das nun genau?

Einmal vorab: Wenn Du denkst, dass die Aufgaben, die Du bekommst, „niedere Tätigkeiten“ sind – Vorsicht mit vorschnellen Äußerungen! Bevor man ein Buch lesen kann, muss man die Buchstaben kennen lernen. Bevor man das 1 x 1 rechnen kann, lernt man die einzelnen Zahlen. Bevor Du mit dem Auto auf den Verkehr „losgelassen“ wirst, musst Du die Verkehrsregeln und –zeichen lernen. Ich denke, wir verstehen uns?

Jeder Beruf ist anders, also sind in jedem Beruf auch die ausbildungsfremden Tätigkeiten anders zu betrachten. Wir nehmen einmal zwei Berufe:

Kaufmann/-frau für Büromanagement Fachkraft für Lagerlogistik
2015_0928_Daumen hoch Kaffee kochen für Besprechungen
 und Kundenbesuche 

2015_0928_Daumen hochKopien anfertigen bzw. Aktenordner
 elektronisch archivieren (scannen)

2015_0928_Daumen hochAblage erledigen und Aktenordner
sortieren

2015_0928_Daumen runterKüche täglich putzen und für die Kollegen kochen

2015_0928_Daumen runterBabysitting für die Chefin und private Einkäufe erledigen

2015_0928_Daumen runterInternetrecherche nach Arbeitsstellen für die Frau des Chefs

2015_0928_Daumen hochTäglich Lagerarbeitsplatz aufräumen
und fegen

2015_0928_Daumen hochKleine Einkäufe für das Lagerbüro erledigen, z. B. Büromaterial

2015_0928_Daumen runterToiletten reinigen und Duschräume säubern

2015_0928_Daumen runterLagerwände tagelang alleine streichen und Treppengeländer lackieren

2015_0928_Daumen runterStändiges Rasen mähen und
Außenanlagen säubern

 

2015_0928_AusbFremd Bild 1So, nehmen wir einmal das Beispiel „Aktenordner scannen“. Das sind kaufmännische Tätigkeiten, die auch jeder Büroangestellte während seiner täglichen Arbeit erledigt. Das kann auch durchaus projektbezogen einige Tage in Anspruch nehmen, wenn im Unternehmen auf die elektronische Archivierung umgestellt wird. Es bedeutet aber nicht, dass Du diese Tätigkeit von Anfang bis Ende Deiner mehrjährigen Ausbildung ständig erledigen musst.

Wann muss oder soll ich mich als Azubi wehren?

Ganz klar: Wenn es zu Extremfällen kommt. Dann wird der Azubi in der Tat ausgebeutet. Eine Ausbeutung sehe ich persönlich, wenn ein Azubi Kaufmann/-frau für Büromanagement während seiner gesamten Ausbildungszeit von Anfang bis Ende die gleichen Tätigkeiten verrichtet.

2015_0928_AusbFremd Bild 2Ein ganz konkretes Beispiel: Dein Azubi sitzt während seiner gesamten Ausbildungszeit in einem Unternehmen mit mehreren Abteilungen ausschließlich in der Telefonzentrale. Seine Aufgaben beschränken sich auf die Annahme und Weiterleitung von Telefongesprächen, auf die Sortierung der Eingangspost und das Wegbringen der Ausgangspost. Mehr nicht. Und das Ganze drei Jahre lang.

Dir würden hier als angehender Kaufmann/-frau für Büromanagement sehr wichtige kaufmännische Grundqualifikationen nach der aktuell gültigen Ausbildungsordnung fehlen. Das sind etwa die Terminkoordination, Dokumente nach gesetzlichen und betrieblichen Aufbewahrungsfristen verwalten, Kundenaufträge bearbeiten und Rechnungen erstellen und Bestellungen durchführen sowie die Liefertermine überwachen.

Hier sehe ich das Ausbildungsziel nicht erreicht. Obwohl es ein Arbeitsgericht vielleicht ganz anders sehen könnte.

Kurz gesagt: Wenn Du NUR immer einige bestimmte, gleiche Tätigkeiten machst und nichts anderes. Dann wirst Du in der Tat ausgebeutet und als „billige Arbeitskraft“ missbraucht.

Wie soll ich mich wehren?

Mit Fingerspitzengefühl und Diplomatie, bitte!

Viele Tipps im Internet lauten „Schreibe einen Brief mit Androhung von Sanktionen“ oder „Verweigere die Arbeit“. Sehr schlau fand ich auch den Tipp „Schreibe wahrheitsgemäß Dein Berichtsheft, das ist die Beweisgrundlage für Schadenersatz“.

Das alles hat mit Fingerspitzengefühl wirklich nichts zu tun. Da machst Du Dir Deinen Ausbilder schnell zum Gegner.

Notiere zunächst einmal über einen gewissen Zeitraum die Tätigkeiten, die Du ausübst. Idealerweise auch, wie oft und wie lange Du die Tätigkeit ausgeübt hast. Das kann, muss aber nicht Dein Berichtsheft sein. (Zum Thema Berichtsheft erzähle ich Dir in einem späteren Beitrag noch etwas, ja?) Schreibe es so auf, als hättest Du beobachtet, dass Kollege A die Aufgaben erledigt. Das nimmt erstmal die Emotionen aus dem Thema.

Dann sprich mit Deinen Eltern sachlich und auch ohne Emotionen darüber, schlucke Deinen Ärger zunächst einmal runter. Das bringt Dich nämlich nicht weiter.

Erstelle eine Gegenüberstellung. Dazu brauchst Du die Ausbildungsordnung Deines Berufes. Stelle gegenüber „Das soll ich lernen“ und „Das mache ich tatsächlich“. Nun hast Du eine sachliche Argumentationsgrundlage.

2015_0928_AusbFremd Bild 3Wenn Du in Deinem Betrieb einen Betriebsrat mit Jugend- und Auszubildendenvertretung hast, dann wendest Du Dich mit Deinen Aufzeichnungen dorthin. Sie werden Dir jetzt sicher weiterhelfen.

Wenn das nicht der Fall ist, hilft nur der Gang zum Ausbilder. Das Gespräch soll sachlich sein, halte Deinen Ärger in jedem Fall zurück. Zeige Deinem Ausbilder anhand Deiner Aufstellung, was Du lernen sollst und was Du tatsächlich tust. Frage ihn/sie, wann Du die anderen Ausbildungsinhalte lernen darfst.

Auch das blieb ohne Erfolg?

Dann hilft nur ein neutraler Dritter, der Dir hier helfen kann. Ein externer Berater ist oft die bessere Lösung als die eigenen Eltern, Verwandte oder Freunde. Sie sind alle emotional eingebunden, was die Verhandlungsposition erschwert. Ein neutraler Berater ist bestrebt, für beide Seiten eine einvernehmliche Lösung zu finden. Meist wird auch die Ausbildung für Betrieb und Auszubildenden qualitativ besser. Wir, die Ausbildungs-Experten, können Dich hier gerne unterstützen.

2015_0928_AusbFremd Bild 4Oder Du wendest Dich direkt an die zuständige Kammer. Bedenke jedoch, dass Du Deinen Betrieb dort in gewisser Weise auch „anschwärzt“. Ich empfehle dies wirklich als allerletzte Möglichkeit, wenn gar nichts mehr hilft. Im schlimmsten Falle wird Deinem Unternehmen nämlich die Ausbildungs-Berechtigung entzogen. Auch mit Folgen für Dich – Du stehst dann ohne Ausbildungsplatz da. Überlege Dir diesen Schritt wirklich sehr, sehr gut!

Denke jedoch daran: erstmal leine Brötchen backen – oder auch mal die Brotzeit holen.

A propos Brötchen – oder Semmeln, wie wir in Bayern sagen: Meist ist es üblich, dass „der Neue“ / „die Neue“ die Brotzeit holt. Du wirst sicher bei Deiner Recherche im Internet immer wieder lesen, dass es sich hier um ausbildungsfremde Tätigkeiten handelt und Du „diese Arbeit dauerhaft verweigern sollst“, rate ich Dir hier dringend davon ab. Es gehört in einem sozialen Gefüge (das der Betrieb ja ist) dazu, dass man anderen Menschen auch einmal Gutes tut und nicht vehement auf seine Rechte besteht.

Wie war es im Übrigen in Deiner Kindheit auf dem Spielplatz? Wer in der Gruppe wurde angestiftet, nach Eis zu fragen? Der/Die Jüngste, oder? 😉 Siehst Du 😉

 

Nun wünsche ich Dir, dass Du in meinem Beitrag einen Lösungsansatz für Dich gefunden hast!