Home > Blog > Es war einmal… Ein bequemer und kecker Schüler…

… und wurde ein guter Azubi. Ich erzähle Euch die Geschichten eines ehemaligen Auszubildenden, der mich mehr als einmal während der Ausbildungszeit positiv überrascht hatte. Die heutige Geschichte soll Schülern Mut machen, etwas „aus sich zu machen“. Auch wenn die Ausgangsvoraussetzungen nicht günstig sind. Es geht. Wenn man will.

Ich hatte noch nicht einmal ein Jahr als Ausbildungsleiterin in meinem Betrieb gearbeitet, als sich mein erster (künftiger) Lehrling bei mir vorstellte. Es war ein junger Mann, der schon längere Zeit in unserem Umschlaglager arbeitete. Clever, wissbegierig, aber eben auch ein „Früchtchen“. Ein Spätzünder.

2015_0907_Geschichte Agim 1Avdi1, so nenne ich ihn jetzt mal, obwohl es nicht sein richtiger Name ist, kam zu mir ins Büro. Mit ernster Miene setzt er sich vor mich. „Astrid, ich will eine Ausbildung machen“, waren seine Worte. Da war ich zunächst ganz schön überrascht. „Ok“, meinte ich, „Welchen Beruf hast Du Dir ausgesucht und in welchem Betrieb machst Du Deine Lehre?“

Er sah mich weiter fest und entschlossen an, packt einen Umschlag aus seinem Rucksack und sagt: „Hier. Bei Dir. Als Fachkraft für Lagerwirtschaft2. Und die Bewerbung habe ich auch gleich dabei.“

Ich war baff. Ich nahm die Unterlagen, schlug die Mappe auf und sah das letzte Schulzeugnis an. „Das ist nicht Dein Ernst,“ entfuhr es mir sehr unverblümt. Avdi war jedoch darauf gefasst, sah mich weiter wild entschlossen an: „Ich weiß. Meine Noten sind schlecht. Die Bemerkung auch. Gibst Du mir dennoch eine Chance?“.

Seine Entschlossenheit und seine Hartnäckigkeit, die er im weiteren Gespräch an den Tag legte, beeindruckten mich. Ich gab ihm die Chance, stellte jedoch Bedingungen: „Wenn Du während der Probezeit in der Berufsschule schlechte Noten schreibst und hier im Betrieb Deinen Ehrgeiz nicht zeigst, dann war’s das. Dann bekommst Du wieder einen Arbeitsvertrag und kannst weiterhin im Umschlaglager arbeiten“. „Deal“, meinte Avdi.

2015_0907_Geschichte Agim 2Avdi begann seine Ausbildung, zeigte hohen Einsatz und in der Berufsschule passable Noten. Kurz vor dem Ende der Probezeit sprach ich meine Bedenken an: „Wenn ich Dich jetzt als Azubi behalte, werden Deine Leistungen dann schlechter? Muss ich befürchten, dass Du jetzt in Deinen Leistungen nachlässt?“ „Nein“, versprach er mir – und hielt es.

Er lernte, lernte, lernte. Fragte, ob er im Betrieb ab und an den Meetingraum zum ungestörten Lernen nutzen darf. Auch außerhalb der Arbeits- oder Schichtzeit. Die Noten wurden in der Schule immer besser. Die Lehrerin war hoch begeistert. Er sei derjenige in der Klasse, der geistig am reifsten ist. Derjenige, der andere unterstützt und eine hohe soziale Kompetenz an den Tag legt. Ich freute mich, sehr sogar.

Die Zwischenprüfung, Theorie und Praxis, nahte. Und sie gelang. Mit 98 % eine Spitzenleistung, wie ich finde.

Der junge Mann zeigte weiter seine guten Leistungen und war fleißig in der Berufsschule. Für die Abschlussprüfung lernte er „so viel wie nie zuvor in seinem Leben“. Mit Erfolg: Das Endergebnis war die Note „Gut“ für die gesamte Abschlussprüfung in Theorie und Praxis.

Wie es mit Avdi nach seiner Lehre weiterging? Er wurde zunächst im Betrieb übernommen. Gute Mitarbeiter schickt man nicht einfach weg. Zumindest nicht gleich. Vielleicht später.

2015_0907_Geschichte Agim 4Dieses „später“ kam schneller als erwartet. In einem Gespräch, was er denn selbst für Ziele habe, wurde klar, dass es für ihn in unserem Betrieb auf Dauer keine Zukunft geben wird. Nicht, weil wir oder Avdi nicht wollten. Es sollte eine Stelle mit weiterem Entwicklungspotential sein. Auf absehbare Zeit sollte in unserem Unternehmen aber keine frei werden.

„Ich wünsche mir in den nächsten Monaten von Dir die Kündigung auf dem Tisch“, so meine Aufforderung an ihn, sich eine für sein Potential entsprechende Stelle zu suchen. Mit „hängenden Ohren“ verließ er mein Büro, traurig, dass ich ihn „nicht weiter haben wolle“.

Es dauerte nicht lange, da bat Avdi um ein Gespräch. „Ich muss Dir etwas sagen“, begann er. Ich spürte, er hat die Kündigung im Gepäck. Ich lag richtig.

Er wechselte das Unternehmen, übernahm Aufgaben der Disposition Luftfracht und entwickelte sich immer weiter. Heute darf er stolz sagen: „Ich bin Angestellter Sales & Operation“.

Und wisst Ihr was? Ich bin stolz auf ihn und bereue es keine Sekunde, ihm damals die Chance gegeben zu haben. Die Chance, seine Entschlossenheit, sein Wollen und Können zu beweisen.

2015_0907_Geschichte Agim 3Wie heißt es so schön: „Herr (oder Frau) Ich-kann-nicht wohnt in der Ich-will-nicht-Straße“. Wer will, der kann.

Ich wünsche Euch viel Erfolg beim „Wollen“!


1 Aus Rücksicht auf meinen ehemaligen Azubi habe ich ihm für diese Geschichte einen anderen Namen verpasst. Ich bitte um Verständnis.

2 Der Beruf wurde umgestaltet. Heute ist das die Fachkraft für Lagerlogistik mit angepasstem Berufsbild und Lerninhalten.